Sonnen-Clear

Schlechtes Wortspiel aus der Überschrift mal beiseite. Seit heute kann man Clear, eine weitere To-Do-App kaufen. Im Vorfeld gab es ja bereits ein Promo-Video und allerorts wurde viel gehypet (das Wort "Hype" hat ja mittlerweile eine recht negative Konnotation und signalisiert, dass das Produkt nicht das hält, was es verspricht).

Ich habe jetzt sehr lange, 5 Minuten, damit herumgespielt, habe das kleine Tutorial gewissenhaft durchgelesen und alle Aktionen zu denen mich die voreingetragenen To-Do's aufgefordert hatten ausprobiert.
Das Ganze hat in Verbindung mit den Sound-Effekten ziemlich viel Spaß gemacht für eine To-Do-App. So viel nur Touch-Interaktion war ich sonst lediglich von Spielen gewohnt. Ich bin ziemlich begeistert von der App, die jetzt sofort in mein iPhone-Dock gewandert ist und Camera+ verdrängt hat.

Das Interface von Clear bietet keine Buttons im klassischen oder iOS-Sinn. Es erinnert stark daran, was Windows Phone 7 macht: man interagiert hauptsächlich direkt mit dem Inhalt. Swipe links, swipe rechts, pinch auf, pinch zu, pull down, pull up, tap, hold. Alles direkt über den To-Do-Items oder den Listen. Jetzt wird auch klar, warum man das Tutorial am Anfang gewissenhaft durchmachen und mit der App zunächst spielen sollte. Hat man erstmal alle Guide-Items gelöscht gibt es keinen sichtbaren Hinweis zur Bedienung mehr. Kein "Zurück"-, "Home"-, "Settings"-Button. Würde ich jetzt an Amnesie leiden, müsste ich wahrscheinlich entweder wild irgendwelche Gesten ausprobieren oder woanders nach einer Anleitung suchen. Gerade aber deshalb finde ich das schon sehr interessant. Daher, dass Clear auf jegliche konventionellen Aktionselemente verzichtet, bleibt einem nunmal nur Gestensteuerung, die entweder durch Konventionen im Bewusstsein des Benutzers gefestigt oder neu gelernt werden müssen. Für die nicht so technik-affine (oder Touch-Geräte-benutzende) Benutzergruppe ist da die Lernkurve natürlich ein wenig steiler aber sehr gut machbar, da man die App ja mehr oder weniger täglich benutzen wird.

Clear bietet keine Synchronisation mit irgendetwas an, auch gibt's das bisher nur für iOS. Da mögen OmniFocus- oder Things-User und ganz besonders die Android-Fraktion jetzt bestimmt aufschreien. Erstere Gruppen nutzen halt weiterhin das Programm, das ihnen die Flexibilität bietet, die sie für ihre GTD-Methode brauchen, das sie an Sachen erinnert oder mit alles und jedem Synchronisiert und bis aufs letzte bisschen auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden kann. Diese Gruppe könnte Clear aber zum Beispiel für Einkaufslisten oder so nutzen, die nicht wirklich viel Konfiguration benötigen aber schnell erstellt und abgearbeitet werden müssen.

Letztere bekommen Clear bestimmt auch bald. Nach dem grandiosen Start über den App Store (derzeit in Deutschland, Italien, Japan, Neuseeland, UK und den USA auf Platz 1 bis 2) gibt's nun bestimmt auch ein Budget für einen Android- und was ich auch wahrscheinlich halte, WP7-Sprössling. Wobei ich nicht sicher bin, ob die App auf Android auch so flüssig läuft und sich so schnell öffnet.

Das ist auch einer der großen Pluspunkte die ich Clear gutschreibe. Die App ist sofort offen. Auch auf meinem nun 2 Jahre alten 3GS, das selbst beim Unlock Ewigkeiten bis zum Homescreen braucht. Evernote ärgert mich da auch ziemlich oft. Eigentlich will ich nur mal schnell eine Notiz schreiben, aber da die Evernote-App einfach elends lang braucht bis sie startet, dann erstmal synchronisiert und dann erst meinen Befehl eine neue Notiz anzulegen ausführt, habe ich mir die Dinge meist schon so gemerkt (und einfach wieder vergessen) oder die herkömmliche Notiz-App benutzt. Ich hoffe wirklich, sollte Clear irgendwann Synchronisierung bieten, dass die Acht auf die Performance legen. Ich bin nämlich ziemlich begeistert, dass die App so gut reagiert.

Ein To-Do kann übrigens nur eine Beschreibung beinhalten. 28 Zeichen maximal, soviel wie ungekürzt angezeigt werden kann (was ich angesichts deutscher Wortlängen jedoch bedauere). Diktiert darf es anscheinend auch mehr sein. Deadlines gibt es nicht, auch keine Tags oder sonstigen Kollaborativkram mit dem man Zeit verschwenden verbringen könnte. Priorität kann durch die Position in der Liste erzeugt werden und wird durch eine dunkleren Farbton signalisiert. Aber eigentlich wird Priorität ja nicht vorgegeben, sondern ergibt sich aus der Aufgabe an sich. Wäre es wirklich dringend, wäre es schon erledigt worden.

Clear bietet einem ganze vier Einstellungsmöglichkeiten: App Badge (Anzeige der Item-Zahl auf dem Icon), Contextual Badge (wahrscheinlich abhängig von der Liste die man gerade offen hatte), Sound Effects und Vibration. Die Soundeffekte sind ganz schön, sollte man sich mal alle angehört haben, habe ich aber deaktiviert. Meine Apps sollen leise ihren Dienst verrichten und mir maximal per Vibration Rückmeldung geben. Verpasste Deadlines die einem signalisiert werden können, gibt es ja eh nicht. Wenn man Tweetbot installiert hat bekommt man noch das Tweetbot-Theme, folgt man einem der unter "Follow The Team" aufgeführten auf Twitter über die App, bekommt man das Scorched-Theme, das einfach "Heat Map" in weniger knalligen Farben ist (und das benutze ich auch gerade).

Die App reicht mir, mit meinen derzeit wenigen To-Do's vollkommen aus. Synchronisierung auf eine Mac-App wäre in der Zukunft cool, aber lieber habe ich eine App die sofort auf ist, wenn ich sie brauche.

Gut finde ich den Schritt der Entwickler auf konventionelle Eingabeobjekte zu verzichten und so stark gestenbasiert zu arbeiten. Auch wird auf den ganzen skeuomorphen Kram geschissen und auf den Inhalt wert gelegt. Mich nervt in iCal zum Beispiel diese ganze Lederoptik. Die Reminders-App verschwendet sehr viel Bildschirmplatz mit der Leder- und Notizzettel-Optik und der Anzeige der Listenüberschrift. Wobei ich glaube, dass deren einzige Daseinsberechtigung ist zu demonstrieren, wie umständlich die Bedienung selbiger ohne Siri ist. Ich trage die Erinnerungen jedenfalls lieber in iCal ein als am iPhone.

Die App erinnert mich ein wenig an einen, sehr durchdachten, Prototypen, bei dem es zunächst auf minimalen Funktionsumfang ankommt, der aber ordentlich läuft und auf Geschwindigkeit achtet um nicht frustrierend zu wirken. Nichts frustriert mich momentan mehr als die Tatsache, dass mein iPhone langsam an fast allen Stellen hängt und nicht reagiert, örgs.

Hier noch eine Liste sämtlicher Reviews, die mir heute über den Weg liefen:

Abschließend kann ich nur sagen: für 79ct Einführungspreis kann man da definitiv zuschlagen, wenn man eine ToDo-App mit wenig Funktionsumfang braucht, die einen einfach einfach ToDo's eintragen lässt und wirklich Spaß macht.